Wie du Trends erkennst, bevor der Mainstream sie sieht

Wie erkennt man einen Trend, bevor alle anderen darüber sprechen? Bevor alle plötzlich Experten sind?

Ganz einfach: nicht durch Glück und auch nicht durch irgendeinen sechsten Sinn. Es geht darum, früh die richtigen Signale zu erkennen – und sie dann über längere Zeit zu beobachten.

Und ja, bei KI gab es natürlich eine Vorgeschichte. Eine ziemlich lange sogar. Aber lassen wir die 1960er bis 1990er für den Moment einfach beiseite.

Schauen wir auf die Zeit, in der es für die meisten von uns wirklich interessant wurde.

‍

Die 2000er: Die ersten Leute sehen die Entwicklung kommen

In den 2000er-Jahren begannen einige Technikfreaks, Forscher und Unternehmer, über etwas zu sprechen, das damals noch ziemlich weit weg war: Maschinen, die immer mehr Aufgaben übernehmen können, für die bisher menschliche Intelligenz nötig war.

Ray Kurzweil schrieb über exponentielles Wachstum der Rechenleistung. Andere Forscher beschäftigten sich mit neuronalen Netzen und maschinellem Lernen. Erste Unternehmen und Investoren begannen, ernsthaft Geld in KI zu investieren.

Für den Mainstream war das noch Zukunftsmusik. In den 2000ern hat fast kein Mainstream-Medium, keine Zeitung und keine Tagesschau über KI geredet.

Und genau das ist der Punkt.

Frühe Trends sehen zunächst nicht wie Trends aus. Sie sehen nach Fantasie aus.

Sie tauchen in Büchern, Papers, kleinen Communities, Startups und Diskussionen auf – lange bevor sie auf der Titelseite stehen.

‍

Die 2010er: Jetzt wird aus Theorie Technologie

Langsam macht das für den Mainstream auch Sinn.

2012 zeigte AlexNet, wie leistungsfähig Deep Learning sein konnte. 2016 schlug Googles AlphaGo den Go-Weltmeister Lee Sedol. 2017 wurde die Transformer-Architektur vorgestellt. Das tauchte in den Mainstream-Medien auf.

Und dann kamen BERT, GPT und immer grössere Sprachmodelle.

Für die meisten Menschen war das weiterhin ein Spezialthema, ein Nischeninteresse. Für Leute, die sich mit Machine Learning beschäftigten, sah es bereits anders aus.

Die einzelnen Fortschritte waren nicht mehr isoliert.

Sie begannen, ein Muster zu bilden.

Das ist einer der wichtigsten Punkte beim Erkennen von Trends: Du wartest nicht auf den einen grossen Beweis. Du beobachtest, wie mehrere kleine Signale langsam dieselbe Richtung zeigen, ein Muster wird erkennbar, aber nur, wenn Du Dich schon länger damit beschäftigt hast.

‍

2022: Plötzlich sind alle smart

Am 30. November 2022 wurde ChatGPT veröffentlicht.

Innerhalb weniger Wochen war KI kein Spezialthema mehr. CEOs sprachen darüber. Medien berichteten darüber. Unternehmen begannen, über konkrete Anwendungen nachzudenken. Und plötzlich fragten sich viele Menschen:

Warum haben wir das nicht kommen sehen?

Die Antwort ist ziemlich einfach:

Es war nicht plötzlich einfach da. Man hätte es über Jahrzehnte kommen sehen können.

Die Entwicklung hatte sich über viele Jahre und Jahrzehnte aufgebaut. Nur war sie für die meisten Menschen ausserhalb der Tech-Welt nicht erkennbar.

‍

‍

Also: Wie erkennt man einen Trend früh? Früher als andere?

Man braucht kein riesiges Netzwerk und man muss auch nicht jeden Tag 50 Tech-Websites lesen.

Ein paar Dinge helfen aber enorm.

‍

1. Such dir ein Gebiet aus

Du kannst nicht alles beobachten. Niemand kann und weiss alles.

Wähle zwei oder drei Bereiche, die dich wirklich interessieren oder mit deiner Arbeit zu tun haben. Je länger du dich damit beschäftigst, desto besser erkennst du, was neu ist – und was nur wieder einmal Hype ist.

‍

2. Lies den Mainstream – aber nicht nur

Mainstream-Medien sind wichtig. Sie zeigen dir, was bereits allgemein bekannt ist.

Aber wenn du früh sein willst, musst du auch dorthin schauen, wo die Diskussion noch klein ist:

Newsletter, Fachforen, Substacks, Podcasts, Forschungsarbeiten, kleine Communities oder Gespräche mit Leuten, die tatsächlich in diesem Bereich arbeiten.

Dort tauchen neue Ideen oft lange auf, bevor sie zum Mainstream werden.

Und nein, Linkedin gehört nicht dazu. Wenn es bei Linkedin auftaucht, ist es eigentlich schon ein “alter Hund”.

‍

3. Beobachte Muster, nicht einzelne Schlagzeilen

Eine einzelne Meldung bedeutet meistens nicht viel.

Aber wenn plötzlich neue Forschung, neue Startups, immer mehr Investitionen und immer bessere Produkte in dieselbe Richtung zeigen, wird es interessant.

Ein Signal ist interessant. Mehrere Signale, die zusammenpassen, sind ein Muster.

‍

4. Lass andere deine Ideen kommentieren und verifizieren

Das ist vielleicht der wichtigste Schritt.

Wenn du glaubst, einen neuen Trend entdeckt zu haben, erzähl es Leuten, die etwas davon verstehen. Frag sie nach ihrer Meinung.

Wenn sie dir widersprechen, ist das nicht unbedingt schlecht. Im Gegenteil: Gute Gegenargumente helfen dir herauszufinden, ob du tatsächlich etwas gesehen hast – oder nur einem Hype aufgesessen bist.

‍

5. Hab Geduld

Das ist der Teil, den man am leichtesten unterschätzt. Trends entwickeln sich selten innerhalb von drei Wochen. Oft dauert es Jahre.

Am Anfang sieht etwas vielleicht nach einer Spielerei aus. Dann wird es irgendwann interessant.

Dann funktioniert es tatsächlich. Und irgendwann reden plötzlich alle darüber.

Wenn du erst in der letzten Phase aufmerksam wirst, hast du den Trend nicht entdeckt. Du hast ihn entdeckt, als er bereits offensichtlich war.

‍

Ein einfaches Beispiel

Stell dir vor, du bemerkst heute eine neue Technologie. Ein paar Forscher beschäftigen sich damit. Einige Startups bauen Produkte. Ein paar Investoren investieren. In kleinen Communities wird langsam darüber diskutiert.

Der Mainstream interessiert sich kaum dafür. Das bedeutet nicht automatisch, dass daraus etwas Grosses wird.

Aber es bedeutet: Es lohnt sich, hinzuschauen. Ein Jahr später gibt es bessere Produkte. Noch ein Jahr später investieren grössere Unternehmen.

Dann beginnen die Medien darüber zu berichten. Und irgendwann fragt jemand: «Warum hat das eigentlich niemand kommen sehen?»

Doch, genau, eben. Einige haben es kommen sehen. Sie waren nur schon fünf Jahre vorher dort.

‍

Was du daraus mitnehmen kannst

Trend-Spotting ist letztlich weniger kompliziert, als es klingt.

Du brauchst:

• ein Gebiet, das du wirklich verstehst

• regelmässige Aufmerksamkeit

• Quellen ausserhalb des Mainstreams

• die Fähigkeit, mehrere Signale miteinander zu verbinden

• Menschen, die deine Ideen kritisch hinterfragen

• und vor allem Geduld

Du musst nicht vorhersagen können, was morgen passiert. Du musst nur lernen, früher als andere zu erkennen, wenn sich etwas verändert.

Denn wenn ein Trend für alle sichtbar ist, ist er kein Geheimnis mehr. Die eigentliche Kunst liegt darin, ihn zu bemerken, wenn er noch klein ist.

‍