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Vor ein paar Minuten habe ich eine Post von einem Manager auf Linkedin gelesen.
Der Text war kurz. Vielleicht fünf oder sechs Absätze. Jeder Satz war sauber formatiert. Genügend Weissraum. Keine langen Gedanken. Genau so, wie moderne Plattformen Texte mögen. Ich hatte ihn drei Minuten später wieder vergessen. Und du? Weisst du noch was du gestern bei Linkedin geliked hast? Eben.
Ich wusste nämlich nach dem Lesen nicht mehr als vorher. Der Text war nicht falsch. Er war einfach leer.
Wenn wir nur noch kurze Texte lesen, können wir überhaupt noch schreiben? Ich glaube nicht.
Und ich glaube, das Problem geht weit über das Schreiben hinaus.
Als Kind war Lesen nichts Besonderes.
Man las Romane, Zeitungen, Biografien oder Geschichtsbücher. Nicht weil irgendjemand auf LinkedIn behauptete, dass erfolgreiche Menschen lesen. Man las, weil das der normale Weg war, sich die Welt zu erschliessen. Heute ist das anders.
Wir verbringen Stunden damit, Texte anzuschauen, aber immer weniger Zeit damit, sie wirklich zu lesen. Und die Text sind meistens kurz, weil wir keine Lust mehr haben längere Informationen aufzunehmen.
Wer zwei Stunden durch LinkedIn scrollt, hat nicht zwei Stunden gelesen.
Wer zwanzig TikTok-Videos über Wirtschaft anschaut, hat sich nicht zwanzig Gedanken angeeignet.
Unser Gehirn verarbeitet beides völlig unterschiedlich.
Viele posten auf Linkedin, ich ja auch, ein paar haben einen Blog, ich auch, ein paar schreiben wirklich längere Texte oder Bücher. Ich noch nicht.
Nach einigen Wochen zirkulieren dieselben Gedanken in leicht veränderter Form durchs Internet. Und jeder dritte Typ bei Linkedin schreibt das gleiche.
Es ist wie bei einer Fotokopie. Die erste Kopie ist noch scharf. Die zehnte wirkt bereits blass.
Wir schöpfen eben keine Gedanken mehr aus Büchern, Essays oder Geschichten. Das ist ein Problem.
Denn wir zitieren uns ja alle sonst gegenseitig. Ich glaube, dass gutes Schreiben fast immer ein Nebenprodukt guten Lesens ist. Nicht weil Bücher automatisch bessere Menschen machen, wenigstens bei mir ist das nicht so.
Sondern weil sie uns zwingen, länger bei einem Gedanken zu bleiben. Ein gutes Buch erlaubt dir nicht, nach acht Sekunden weiterzuscrollen. Ein langer Text über fünf Seiten erfordert deine Konzentration, sonst wird das nichts.
Das zwingt dich, einer Argumentation über fünf, zwanzig, fünfzig oder dreihundert Seiten zu folgen.
Manchmal widerspricht sie deiner eigenen Meinung. Das ist auch ok. Manchmal verstehst du sie erst beim zweiten Lesen. Genau dort beginnt Denken.
Nicht dort, wo wir sofort zustimmen.
Sondern dort, wo unser Gehirn arbeiten muss.
Wenn ich einen Autor bewundere, frage ich mich fast nie, wie gut er schreibt. Ich frage mich, was er gelesen hat, was er erlebt hat.
Denn man erkennt es.
Man erkennt es an den Vergleichen. An den historischen Bezügen. An der Ruhe eines Textes. Die Persönlichkeit ist zu erkennen, das ist bei AI-Texten nicht so.
Vor allem aber erkennt man es daran, dass der Autor nicht ständig versucht, den Leser zu beeindrucken. Die Erkenntnis ist einfach da, sie enteht durch das Lesen. Lesen ist Unterhaltung und Arbeit gleichzeitig.
Ein guter Autor versucht, einen Gedanken zu Ende zu denken, neue Erkenntnis zu gewinnen, Dinge miteinander zu verbinden, wo ich nicht darauf gekommen wäre.
Natürlich leben wir in einer anderen Medienwelt und haben nicht soviel Zeit, denken wir wenigstens.
Niemand kann jeden Abend drei Stunden Dostojewski lesen. Aber, hat jemand hier in letzter Zeit etwas längeres gelesen’
Wir sollten uns fragen, womit wir unser Gehirn täglich füttern. Denn unser Denken passt sich erstaunlich schnell an unsere Gewohnheiten an.
Wer sich ausschliesslich von kurzen Inhalten ernährt, beginnt irgendwann auch in kurzen Gedanken zu denken. Nicht weil ihm die Intelligenz fehlt. Sondern weil ihm das Training fehlt.
Das Gehirn funktioniert ähnlich wie ein Muskel. Es entwickelt sich in die Richtung, in der es regelmässig belastet wird. Deshalb gehen wir auch ins Fitness und rennen, aus dem gleichen Grund.
Vielleicht erklärt das auch, warum heute so viele Texte gleich klingen. Sie bestehen aus den gleichen Formeln.
Drei Tipps. Fünf Fehler. Sieben Gewohnheiten. Hier ist das und ich habe X gelernt.
Sie beantworten Fragen, bevor überhaupt klar ist, ob die richtige Frage gestellt wurde. Ein Essay funktioniert anders. Er beginnt oft mit einer Beobachtung, oder einer Geschichte.
Dann folgt ein Zweifel. Vielleicht auch ein Widerspruch, das Leben ist nämlich kompliziert. Und erst am Ende entsteht langsam eine Erkenntnis.
Nicht, weil der Autor besonders geheimnisvoll sein möchte, sondern weil echtes Denken selten geradlinig verläuft.
Vor hundert Jahren war viel lesen keine besondere Eigenschaft. Heute ist es fast schon ein Wettbewerbsvorteil. Nicht weil Bücher magisch wären, obwohl…
Sondern weil sie etwas trainieren, das immer seltener geworden ist:
Geduld.
Konzentration.
Zusammenhänge.
Urteilsvermögen.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum so viele der klügsten Unternehmer ihrer Generation fast zwanghaft lesen. Nicht um Bücher zu sammeln. Nicht um Zitate auf LinkedIn zu posten, ganz schlimm.
Sondern weil sie verstanden haben, dass jedes gute Urteil mit einem langen Gedanken beginnt. Und lange Gedanken entstehen selten zwischen zwei Push-Nachrichten.
Sie entstehen meistens in der Stille. Mit einem Buch. Oder mit langen Essays von einem bestimmten Autor.
Und erstaunlich viel Zeit.