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Kennst du das, nach dem Duschen am morgen und dem Gang ins Office, oder Homeoffice, du klappst den Laptop auf und dann, nur noch Emails, Kunden wollen Antworten. Alles ist wichtig, alles brennt.
Und dann mache ich einen Kaffee. Auf die gleiche Art, wie ich es jeden Morgen mache. Oder ich gehe einen Kaffee trinken, wo man mich kennt, immer am gleichen Ort in Baden.
Für ein paar Minuten ist alles andere egal, schnell einen Schwatz, oder kurz abschalten.
Das ist kein Produktivitäts-Hack. Das ist Überleben.
Warum Rituale nicht Luxus sind, sondern Notwendigkeit
Ich bin Anfang 50. Ich bin selbständig. Ich berate Kunden. Ich plane, arbeite. Ich versuche, ein halbwegs vernünftiger Mensch zu bleiben.
Und hier ist, was ich gelernt habe: Wenn alles um dich herum chaotisch, unvorhersehbar und fordernd ist – sind Rituale das Einzige, das sich nicht ändert.
Du kannst den Markt nicht kontrollieren. Du kannst Kunden nicht kontrollieren. Du kannst die Politik nicht kontrollieren. Du kannst nicht mal kontrollieren, was in deinem E-Mail-Postfach landet, vom Wetter gar nicht zu reden.
Aber du kannst kontrollieren: Ein paar Mal die Woche ins Gym. Morgens einen Kaffee. Am Wochenende für deine Töchter kochen, wenn du Töchter hast.
Das sind meine Rituale. Nicht weil sie mich erfolgreicher machen. Sondern weil sie mich stabil halten.
Meine Rituale (und warum sie zählen, wenigstens für mich)
Ein paar Mal die Woche ins Gym
Nicht um gut auszusehen. Nicht um fit zu sein. Sondern um den Kopf freizubekommen. Denn René ist nicht eitel, wenigstens nicht so fest…
Wenn ich im Gym bin, denke ich nicht an E-Mails. Nicht an Deadlines. Nicht an Probleme, die gelöst werden müssen.
Ich denke an: Noch eine Wiederholung. Noch ein Set. Atmen.
Das ist alles.
Und danach, wenn ich wieder am Schreibtisch sitze, sind die Probleme immer noch da. Aber sie fühlen sich kleiner an. Und ich fühle mich erst noch fitter.
Das Gym ist nicht Training. Es ist Verarbeitung.
Der Kaffee am Morgen
Jeden Morgen. Gleiche Zeit. Gleicher Ort, wenn möglich. Und wenn ich unterwegs bin, dann halt an einem Ort der vernünftig aussieht.
Es ist nicht das Koffein. Es ist die Pause.
Der Moment bevor der Tag beginnt. Bevor das Telefon klingelt. Bevor die ersten E-Mails reinkommen.
Fünf Minuten, in denen ich einfach da sitze. Und nichts tue.
Keine Nachrichten checken. Keine To-Do-Liste schreiben. Einfach Kaffee trinken.
Das klingt langweilig, ist es ja vielleicht auch.
Aber in einer Welt, die ständig etwas von mir will – sind diese fünf Minuten das, was mich daran erinnert, dass ich existiere. Ausserhalb von Arbeit. Ausserhalb von Verpflichtungen.
Für meine Töchter kochen
Regelmässig kommt eine meiner Töchter zum Abendessen. Manchmal beide. Im Moment ist eine noch in den USA.
Ich habe da kein Standardprogramm, ich koche alles mögliche, manchmal einfach „es Plätzli“.
Dann koche ich. Drei Stunden. Langsam. Kein Stress.
Meine Tochter erzählt mir dann alles beim Essen, denke ich wenigstens.
Manchmal über Wichtiges. Manchmal über Unwichtiges. Manchmal scherzen wir. Manchmal wird es ernst.
Aber das ist Quality Time. Nicht weil wir ein Event geplant haben. Sondern weil ich gekocht habe. Weil ich mir Zeit genommen habe.
Und sie weiss: Ich habe heute Morgen an sie gedacht. Beim Metzger. Beim Gemüseladen. Beim Kochen.
Das ist mehr wert als jedes Restaurant.
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Was passiert, wenn ich sie auslasse? Es gibt Wochen, wo ich nicht ins Gym gehe. Wo ich den Kaffee am Schreibtisch trinke, während ich E-Mails beantworte. Wo ich nicht koche, sondern schnell etwas bestelle. Denn leider bin ich nicht perfekt.
Und weisst du, was passiert?
Kein „Bad Hair Day“, denn ich habe keine Haare. Aber der Tag fühlt sich schräg an. Ich bin reaktiver statt intentional. Kleine Probleme fühlen sich grösser an. Ich bin gereizter. Weniger geduldig. Weniger klar.
Es ist nicht das Ritual selbst. Es ist die Struktur, die es bietet.
Ohne Struktur bin ich nur noch am Reagieren. Auf E-Mails. Auf Anfragen. Auf Probleme.
Mit Struktur habe ich Momente, in denen ich nicht reagiere. Sondern einfach bin.
Und diese Momente – so banal sie sind – sind das, was mich funktionsfähig hält.
Rituale reduzieren Entscheidungsmüdigkeit
Hier ist etwas, das die meisten nicht verstehen: Rituale sind nicht nur Gewohnheiten. Sie sind Entscheidungen, die du nicht mehr treffen musst.
Jeden Tag entscheiden wir tausend Dinge. Was ziehe ich an. Was esse ich. Welche E-Mail beantworte ich zuerst. Welches Projekt hat Priorität.
Jede Entscheidung kostet Energie
Aber wenn ich morgens aufwache und weiss: Heute ist Gym-Tag. Danach Kaffee. Dann Arbeit. – habe ich schon drei Entscheidungen weniger getroffen.
Das klingt klein. Aber über einen Tag, eine Woche, einen Monat – addiert sich das.
Rituale schaffen mentalen Raum. Nicht weil sie produktiv sind. Sondern weil sie automatisch sind.
Und dieser Raum – der ist dann da für die Dinge, die tatsächlich Nachdenken brauchen.
Nicht jeder braucht die gleichen Rituale
Vielleicht ist es bei dir nicht das Gym. Vielleicht ist es 20 Minuten lesen. Vielleicht ist es Frühstück kochen. Vielleicht ist es einfach mit Kaffee dasitzen und absolut nichts tun.
Der Inhalt ist egal. Die Konstanz zählt.
Was für mich funktioniert, funktioniert vielleicht nicht für dich. Aber das Prinzip ist das gleiche:
Finde etwas, das sich nicht ändert. Etwas, das dir gehört. Etwas, das nicht verhandelbar ist.
Und dann mach es. Jeden Tag. Oder jede Woche. Bis es so automatisch ist, dass du nicht mehr darüber nachdenkst.
Weil wenn du nicht darüber nachdenken musst, hast du mentalen Raum für alles andere.
Erlaubnis, langweilig zu sein
In einer Welt, die besessen ist von Optimierung, Neuheit, Disruption – sind Rituale radikal langweilig.
Und genau deshalb funktionieren sie.
Du brauchst nicht jede Woche eine neue Morgenroutine. Du brauchst die gleiche. Jeden Tag. Bis sie so selbstverständlich ist wie Atmen.
Rituale machen dich nicht erfolgreich. Sie machen dich stabil.
Und Stabilität ist das, was dir erlaubt, mit allem anderen umzugehen.
Wenn alles um dich herum Chaos ist – und glaub mir, es ist oft Chaos – dann sind Rituale das, was dich erdet.
Der Kaffee um 7 Uhr. Das Gym am Dienstag. Das Abendessen mit deiner Tochter am Samstag.
Das sind keine grossen Dinge. Das sind keine Erfolgsgeschichten. Das ist nicht Instagram-würdig.
Aber es ist das, was mich sane hält.
Und in einer Welt, die ständig versucht, dich verrückt zu machen – ist das mehr wert als jeder Produktivitäts-Hack.
Also: Finde deine Rituale. Die langweiligen. Die repetitiven. Die, über die niemand ein Buch schreiben würde.
Und dann halte daran fest.
Nicht weil sie dich erfolgreich machen. Sondern weil sie dich retten. Wenigstens retten sie mich.