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Letzte Woche sass ich mit einem Geschäftsführer beim Mittagessen. Wir sprachen über die nächsten Jahre, über Wachstum, über Pläne. Und dann sagte er etwas, das mich nicht losgelassen hat:
"Weisst du René, ich halte noch 12 Jahre durch. Dann bin ich raus."
Durchhalten. Nicht "Ich freue mich auf die nächsten Jahre." Nicht "Ich habe noch so viel vor." Sondern: durchhalten.
Und das war kein Einzelfall.
Wenn ich mit Männern in meinem Alter spreche – ich anfang 50 – höre ich das immer öfter. Diese Müdigkeit. Diese stille Resignation. Diese Haltung von "Ich mache einfach weiter, bis die Pensionskasse auszahlt."
Job? Läuft oder ok. Aber erfüllend? Nein. Beziehung? Funktioniert. Aber lebendig? Kaum. Sexleben? Naja. Abenteuer? Welches Abenteuer?
Viele Männer über 45 wirken nicht unglücklich. Sie wirken einfach... fertig. Nicht im Sinne von "Ich bin am Ende." Sondern im Sinne von "Ich bin durch. Jetzt läuft das Ding halt noch ein bisschen."
Das ist keine Midlife Crisis
Und man könnte jetzt einfach sagen: "Ach, das ist halt die klassische Midlife Crisis. Kauf dir einen Porsche, such dir eine Affäre, mach eine Motorradtour – wird schon wieder." Aber reicht bei dünnem Haar eine grosse Uhr?
Ich denke nicht.
Denn was ich sehe, ist kein plötzlicher Ausbruch. Keine wilde Rebellion. Sondern das Gegenteil: ein stiller Rückzug.
Männer, die sich aus öffentlichen Diskussionen zurückziehen. Männer, die keine Verantwortung mehr übernehmen wollen. Männer, die bei "wer macht das?" plötzlich schweigen. Männer, die früher Meinungen hatten und jetzt nur noch nicken.
Das ist keine Krise. Das ist Erschöpfung. Und die ist nicht individuell – sie ist strukturell.
Warum sind so viele Männer über 45 so müde?
Ich kann nur von dem sprechen, was ich sehe. Bei anderen. Und bei mir selbst.
Da ist der Mann, der seit 25 Jahren in der gleichen Branche arbeitet. Guter Job. Gutes Geld. Aber der Funke? Lange erloschen. Er macht seine Arbeit professionell, aber ohne Leidenschaft. Es ist ein Job geworden. Mehr nicht.
Da ist der Mann, dessen Ehe funktioniert. Die Kinder sind versorgt. Das Haus abbezahlt. Aber die Spannung? Die Neugier aufeinander? Das Sexleben? Irgendwo zwischen Elternabenden und Steuererklärungen verloren gegangen.
Da ist der Mann, der früher Risiken eingegangen ist. Der etwas gewagt hat. Der gescheitert ist und wieder aufgestanden ist. Und jetzt? Sicherheit. Stabilität. Keine Experimente mehr.
Und dann ist da noch etwas anderes: „Man“ erwartet von Männern über 45, dass sie "solide" sind. Verlässlich. Ruhig. Vernünftig.
Nicht laut. Nicht wild. Nicht risikofreudig.
Du sollst funktionieren. Zahlen. Liefern. Und bitte keine Probleme machen.
Und irgendwann glaubst du das selbst. Du bist ja jetzt "in dem Alter". Zeit, vernünftig zu sein.
Und, man muss auch sagen, dass „mittelalterliche“ Männer, die sich bei heissen Themen eingemischt haben fertiggemacht wurden. Medial und so. Gendern, Klimawandel, Politik, eigentlich bei allem hiess es sofort „ach du alter weisser Mann“.
Die Männer haben also „gelernt“, dass es einfacher ist zu schweigen als sich zu äussern. Weniger Ärger. Weniger Diskussionen. Also haben sich viele zurückgezogen. In Zentraleuropa haben sich die meisten Männer aus der öffentlichen Debatte zurückgezogen.
Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn die erfahrensten Männer aufgeben? Die Männer, die jüngeren Männern Ratschläge geben könnten? Unternehmen finanzieren könnten? Oder leiten? Die auch mal anderen und jüngeren sagen: Übertreibt es nicht damit.
Und genau hier liegt das Problem: Männer über 45 sind nicht die Anfänger. Wir sind die, die wissen, wie Dinge funktionieren. Die Erfahrung haben. Die Krisen durchlebt und überlebt haben.
Wenn wir uns zurückziehen – wer übernimmt dann Verantwortung?
Wenn wir nur noch "durchhalten" – wer führt dann?
Wenn wir keine Risiken mehr eingehen – wer innoviert dann?
Es ist nicht so, dass jüngere Leute das nicht könnten. Aber sie brauchen Vorbilder. Männer, die zeigen: Du kannst mit 50 noch Neues wagen. Du kannst mit 55 noch scheitern und weitermachen. Du musst nicht mit 45 aufgeben.
Aber wenn alles, was sie sehen, erschöpfte Männer sind, die nur noch auf die Rente warten – was lernen sie dann?
Der Wendepunkt: Die Fragen, die stechen
Also, was jetzt? Zurücklehnen und warten bis die Pensionskasse auszahlt? Oder gibt es einen anderen Weg?
Ich habe keine fertigen Antworten. Aber ich habe Fragen. Und die sind unbequem.
Frag dich selbst:
Was würdest du tun, wenn du jetzt 25 wärst?
Nicht was du damals mit 25 gemacht hast. Sondern: Wenn du heute, mit allem was du weisst, nochmal 25 wärst – was würdest du anders machen?
Und warum machst du es nicht?
Wann bist du das letzte Mal alleine gereist – für eine, zwei, drei Wochen?
Nicht Familienferien. Nicht Geschäftsreise. Alleine. Nur du. Wann war das?
Und wenn die Antwort "nie" ist, oder "vor 20 Jahren" – warum?
Wann hast du das letzte Mal ein wirklich grosses Risiko auf dich genommen?
Nicht ein bisschen mehr Geld in Aktien. Ein echtes Risiko. Etwas, das schiefgehen konnte. Etwas, das dich nachts wachgehalten hat.
Wann war das?
Was hindert dich wirklich daran, etwas zu ändern?
Nicht was du dir selbst erzählst. Sondern wirklich.
Ist es die Hypothek? Oder ist es die Angst zu versagen? Ist es die Familie? Oder ist es, dass du nicht mehr weisst, wer du ohne die Rolle als Versorger bist? Ist es das Alter? Oder ist es die Bequemlichkeit? Oder die Angst, von der Gesellschaft verurteilt zu werden?
Wenn du in 10 Jahren zurückschaust – wirst du bereuen, dass du nichts versucht hast?
Die Antworten auf diese Fragen sind unbequem. Aber sie sind auch der Anfang.
Denn Veränderung beginnt nicht mit einem Plan. Sie beginnt mit der Ehrlichkeit zuzugeben, dass du unzufrieden bist. Und dass "durchhalten bis zur Rente" keine Strategie ist, sondern Kapitulation.
Was ich bei mir selbst beobachte
Ich bin nicht ausgenommen. Auch ich habe Momente, wo ich merke: Du wirst bequem, René.
Wo ich Sicherheit wähle, obwohl ich Abenteuer vermisse. Wo ich sage "ach, das mache ich nicht mehr" – ohne wirklich zu hinterfragen, warum. Wo ich mich aus Diskussionen raushalte, weil es einfacher ist.
Aber ich merke auch: Die Momente, in denen ich mich lebendig fühle, sind nicht die, wo alles läuft. Sondern die, wo ich etwas riskiert habe. Wo ich gescheitert bin. Wo ich etwas Neues versucht habe.
Und ich weiss: Wenn ich mit 65 zurückschaue und denke "Hättest du doch mal..." – dann habe ich verloren.
Nicht weil ich gescheitert bin. Sondern weil ich nicht versucht habe.
Es ist nicht zu spät.
Hier ist die Wahrheit: Es ist nicht zu spät.
Du bist nicht zu alt, um etwas Neues zu wagen. Du bist nicht zu alt, um deine Beziehung wiederzubeleben. Du bist nicht zu alt, um ein Risiko einzugehen.
Aber du musst aufhören zu glauben, dass "durchhalten" eine Option ist.
Durchhalten ist keine Strategie. Es ist Resignation.
Also: Was willst du wirklich? Nicht was du solltest. Was du wirklich willst.
Und was hält dich davon ab, es zu versuchen?
Die Frage bleibt offen. Was machst du jetzt?
Denn wenn sich die Männer über 45 zurückziehen leidet die ganze Gesellschaft. Die Kinder, die jungen Männer. Und vor allem: Die Frauen. Denn Männer, die sich zurückziehen beschützen auch nichts mehr, lehnen Handlungen ab, die für sie persönlich riskant sind.
Das Resultat wäre eine gefährlichere, ungerechtere und angespanntere Welt.
Morgen früh wäre ein guter Zeitpunkt für einen Reset. Bei mir. Bei dir auch.