Tricksen beim Verkauf

René Albert

Du öffnest dein E-Mail-Postfach. 47 neue Nachrichten.

Davon sind 23 Sales-E-Mails. "Hi René, ich habe gesehen dass du bei [Firma] arbeitest und dachte..." Gelöscht. "Kurze Frage zu deiner aktuellen Herausforderung..." Gelöscht. "Ich weiss du bist beschäftigt aber..." Gelöscht.

LinkedIn ist nicht besser. Fünf Connection Requests mit identischem Text. Drei Follow-Up Nachrichten von Leuten, die du letzten Monat ignoriert hast. Alle mit der gleichen fake-persönlichen Note.

Die Message hier ist eine tatsächliche, mehr dazu weiter unten:

„Hi René, ich habe dir schon letzten August geschrieben und keine Antwort erhalten. Du bist beschäftigt, I totally get it. Mich würde interessieren was dich diese Woche beschäftigt.“

Willkommen im modernen Verkauf: Wo jeder trickst, und niemand vertraut. Worthülsen, gestanzte Förmchenmessages.

Hier ist die unbequeme Wahrheit: Die meisten Sales-Taktiken, die heute verwendet werden, sind Tricks. Und Tricks funktionieren vielleicht einmal. Vielleicht zweimal. Aber langfristig? Sie töten deine Glaubwürdigkeit, verbrennen deinen Markt und zerstören deinen Umsatz.

Das ist kein Moralpredigt über "gutes" versus "schlechtes" Verkaufen. Das ist Business. Tricks sind teuer. Vertrauen ist profitabel.

Lass uns über die Tricks reden, die jeder kennt – und warum sie nicht funktionieren.

Die klassischen Tricks (und warum sie scheitern)

1. Overpromising (und dann underdelivern)

"Ja, das können wir definitiv machen. Kein Problem."

Drei Wochen später: "Also, das wird doch etwas komplizierter. Kostet extra. Dauert länger. Braucht eine andere Lösung."

Der Trick:

Du sagst Ja, um den Deal zu bekommen. Nicht weil du Ja meinst.

Warum es nicht funktioniert

Der Kunde fühlt sich belogen. Selbst wenn du 90% lieferst, erinnern sie sich an die 10%, die du versprochen und nicht geliefert hast.

Und sie erzählen es weiter. An Kollegen. An Partner. An jeden, der nach einer Empfehlung fragt.

Du hast einen Deal gewonnen. Und zehn verloren. Aber, was eben auch stimmt, viele Kunden wollen einen Bentley zum Preis eines Lada. Verkäufer fangen dann zwangsläufig an zu lügen. So ist das Leben. Besprechen wir ein andermal.

2. Fake Urgency (das Angebot, das immer läuft)

"Dieses Angebot läuft heute Nacht ab!"

(Tut es nicht. Es ist immer verfügbar. Oder es kommt nächste Woche wieder.)

Der Trick:

Du baust künstliche Dringlichkeit, um Leute zu einer schnellen Entscheidung zu drängen.

Warum es nicht funktioniert:

Leute sind nicht dumm. Sie erinnern sich. Und beim nächsten Mal warten sie einfach.

Oder noch schlimmer: Sie kaufen überhaupt nicht mehr von dir. Weil sie wissen, dass du sie manipulierst.

Vertrauen stirbt schnell. Und ohne Vertrauen gibt es keine langfristigen Kunden.

3. Bait-and-Switch (zeig ihnen das Billige, verkauf ihnen das Teure)

"Schau, hier ist unsere Basis-Version. Nur 99 Franken im Monat."

Dann wird klar: Die Basis-Version kann eigentlich nichts. Sie brauchen Features A, B, C. Die sind in der Premium-Version. 499 Franken.

Der Trick:

Du lockst sie mit einem Preis, den du nie vorhattest zu verkaufen.

Warum es nicht funktioniert:

Du hast signalisiert: "Ich werde dich manipulieren."

Und selbst wenn sie kaufen, fühlt es sich schlecht an. Sie werden nicht zurückkommen. Sie werden dich nicht weiterempfehlen.

Du hast einen Deal. Aber keine Beziehung.

4. Der Hard Close / Druck-Taktiken

"Wenn du heute nicht unterschreibst, geht der Preis hoch." "Mein Manager kann diesen Rabatt nur genehmigen, wenn du jetzt commitest."

Der Trick:

Du setzt Druck. Künstliche Deadlines. Fake Konsequenzen.

Warum es nicht funktioniert:

Leute hassen es, unter Druck gesetzt zu werden. Selbst wenn sie kaufen, ärgern sie sich darüber. Und sie kommen nicht zurück.

Sales ist kein One-Night-Stand. Es ist eine langfristige Beziehung. Und Beziehungen, die mit Druck beginnen, enden schlecht.

5. Informationen verstecken

Die Setup-Gebühr? Erwähnt man nicht. Die jährliche Preiserhöhung? Steht im Kleingedruckten. Die Kündigungsfrist? "Ach, das besprechen wir später."

Der Trick:

Du versteckst die schlechten Nachrichten, bis der Vertrag unterschrieben ist.

Warum es nicht funktioniert:

Sie finden es heraus. Immer.

Und wenn sie es tun, hast du Vertrauen zerstört. Und sie erzählen es allen.

Negative Bewertungen. Keine Referrals. Keine Renewals.

Du hast einen Kunden gewonnen. Und einen Ruf verloren.

6. Tricks, die Beziehung vortäuschen

Diese Kategorie ist besonders perfide. Weil sie nicht nur manipulieren – sie tun so, als gäbe es bereits eine Beziehung, die nicht existiert.

Der Opt-In, den du nie gegeben hast

Du hast ein Gespräch. Eine Konferenz. Ein Meeting. Vielleicht sogar ein gutes Gespräch über eine mögliche Partnerschaft.

Visitenkarten werden ausgetauscht. "Lass uns in Kontakt bleiben."

Zwei Tage später: Newsletter. Wöchentlich.

Du hast dich nie angemeldet. Du hast nie um Marketing-E-Mails gebeten. Du hattest ein professionelles Gespräch. Nicht ein Abo.

Aber jetzt bist du drin. Und dich abzumelden fühlt sich komisch an – weil ihr ja vielleicht tatsächlich zusammenarbeiten könntet.

Also bleibst du drin. Und löschst jede Woche ihre E-Mails.

Der Trick:

Sie verwechseln "wir haben gesprochen" mit "du hast mir Erlaubnis gegeben, dich jede Woche zu spammen."

Das ist nicht Networking. Das ist Marketing ohne Erlaubnis.

Warum es nicht funktioniert:

Weil du dich jetzt an sie erinnerst – aber nicht positiv.

Du denkst: "Ach ja, die Firma, die mich ungefragt in ihre Liste gesteckt hat."

Das ist nicht die Erinnerung, die zu einem Deal führt.

7. Massen-E-Mails, die persönlich tun

"Hi René, ich habe gesehen, dass du bei {{Company}} arbeitest..."

Wir wissen alle, was das ist. Ein Template. {{FirstName}}. {{Company}}. Verschickt an 500 Leute gleichzeitig.

Der Trick:

Es tut so, als wäre es persönlich. Als hättest du recherchiert. Als würdest du dich kümmern.

Aber du tust es nicht. Du hast eine Liste gekauft und ein Script verwendet.

Warum es nicht funktioniert:

Weil jeder das jetzt macht. Es ist nicht mehr persönlich. Es ist offensichtlich automatisiert.

Und jeder, der es bekommt, weiss es.

Du denkst, du baust Verbindung auf. Aber du kreierst Distanz.

8. Das fake-vertraute LinkedIn Follow-Up

"Hey René, ich habe dir bereits letzten August geschrieben, ich weiss du bist beschäftigt das verstehe ich total aber mich interessiert was dich diese Woche beschäftigt?"

Lass uns die Linkedin-Message von oben genauer anschauen:

„Hi René, ich habe dir schon letzten August geschrieben und keine Antwort erhalten. Du bist beschäftigt, I totally get it. Mich würde interessieren was dich diese Woche beschäftigt.“

Fake Empathie. Und gleichzeitig: "Du hättest trotzdem antworten sollen." Noch ein kleines Schuldgefühl einreden.

"Was dich diese Woche beschäftigt?" = Eine Frage, die designed ist, dich zum Antworten zu bringen. Weil wenn du antwortest, habe ich einen Fuss in der Tür.

Der Trick:

Es tut so, als wären wir im Gespräch. Als hätten wir eine Beziehung.

Aber wir haben keine. Du hast mir eine Kalt-Nachricht geschickt. Ich habe nicht geantwortet. Das ist das Ende der Geschichte.

Das Follow-Up zu personalisieren ("was beschäftigt dich?") ändert nichts daran, dass es ein Script ist.

Warum es nicht funktioniert:

Weil ich – und jede andere Person, die auf LinkedIn aktiv ist – Dutzende dieser Nachrichten bekomme.

Sie folgen alle dem gleichen Muster:

1. Referenz auf vorherige Outreach (die du ignoriert hast)

2. "Ich weiss du bist beschäftigt" (Schuld)

3. Eine Frage, die Engagement ködern soll

Es ist nicht persönlich. Es ist ein Template.

Und jeder weiss es.

Warum Tricks teuer sind (und Vertrauen profitabel ist)

Tricks funktionieren kurzfristig. Manchmal.

Du bekommst einen Deal. Vielleicht zwei.

Aber dann:

Du verbrennst deinen Markt. Leute reden. Besonders über schlechte Erfahrungen. Ein betrogener Kunde erzählt es zehn anderen. Die erzählen es weiter.

Du tötest deine Reputation. Online-Bewertungen. LinkedIn-Posts. Word-of-Mouth. Dein Name wird mit "unehrlich" assoziiert.

Du musst ständig neue Opfer finden. Weil die alten Kunden nicht zurückkommen. Nicht verlängern. Nicht weiterempfehlen.

Du kannst keine langfristigen Einnahmen aufbauen. Recurring Revenue? Nur wenn Kunden bleiben. Referrals? Nur wenn Kunden glücklich sind.

Tricks sind teuer. Weil sie kurzfristig denken.

Vertrauen ist profitabel. Langfristigkeit zahlt sich aus.