Die Zukunft der Manager

René Albert

Das alte Spiel ist vorbei

Es gab einmal eine Zeit – und sie ist noch gar nicht so lange her –, da war eine Managerlaufbahn in einem grossen amerikanischen Konzern für Europäer aus Ländern wie Deutschland, der Schweiz oder Irland ein Garant für ein stabiles, prestigeträchtiges Leben.

Man begann als Teamleiter, arbeitete sich hoch zum Manager, Senior Manager, Director – und wenn man die politischen Spielregeln beherrschte, landete man irgendwann im VP-Level. Oder man kam von einer guten Universität und versuchte gleich als Teamleader oder Manager einzusteigen und dann weiterzumachen.

Leistung war hilfreich, aber nicht zwingend. Und manchmal war es auch wenig zielführend, besser als andere Manager zu performen.

Politische Cleverness war oft wichtiger als echter Impact.

Doch diese Zeit geht zu Ende. Und zwar schnell.

Die Karriereleiter wurde schmaler, die Stufen wurden weniger, und die Aufzüge wurden abmontiert.

Was halte ich von diesem Thema?

Ganz offen gesagt:

Wir stehen mitten in einer massiven, strukturellen Transformation des Managementberufs – und die meisten Manager merken es erst, wenn es zu spät ist.

Was früher ein relativ sicherer Weg war, ist heute ein hochriskantes Karrierenspiel:

• 50-Jährige ehemalige Directors und VPs finden sich plötzlich ohne Job wieder.

• Rollen verschwinden einfach.

• Die vielgerühmten “Connections” sind weniger wert als viele dachten.

• Verantwortungen werden automatisiert, ausgelagert oder zentralisiert.

• Die Loyalität der Unternehmen gegenüber ihren Führungskräften ist praktisch bei Null.

Bitter, aber wahr:

Das amerikanische Karriereversprechen in Europa ist gebrochen.

Warum passiert das?

Die fünf strukturellen Gründe

1. KI ist ein Turbo, aber nicht die Ursache

Selbst ohne KI wären mittlere Managementebenen unter Druck.

Mit KI geht es einfach schneller.

Reporting, Controlling, Planung, Kommunikation – alles wird automatisierbarer.

Das, was viele Manager tun, ist nicht mehr knappes Gut. Manager treffen häufiger wenig wirklich relevante Entscheidungen, können als durch KI-Prozesse mit der zweiten oder dritten KI-Welle ersetzt werden.

2. Amerikanische Konzerne werden radikal effizienter

Die Wall Street belohnt operative Effizienz, nicht personale Grosszügigkeit.

Das bedeutet:

• weniger Manager

• mehr Entscheidungsmacht in HQ

• noch weniger lokale Verantwortung

• radikale Kostendisziplin

Hierarchien schrumpfen wie nie zuvor.

3. Europa verliert strategische Bedeutung

Für viele US-Konzerne ist Europa ein reifer Markt, politisch kompliziert, wirtschaftlich langsam. Der Hauptkonkurrent der USA ist China, und viele Amerikaner haben feuchte Träume über Russland. Europa spielt eine kleine Rolle.

Das Ergebnis:

Lokale Leadership gibt es nur noch im Notwendigkeitsumfang – nicht mehr aus Prestigegründen.

Viele Schweizer Niederlanssungen von Amerikanischen Konzernen wurden radikal eingedampft, häufig gibt es nicht einmal eine richtige Geschäftsleitung. Aus die Maus für «Country-Manager».

4. Manager, die politisch gut waren, aber fachlich schwach, sind austauschbar

Früher konnte man sich über Wasser halten, wenn man:

• gut vernetzt war

• die Sprache der PowerPoints beherrschte

• politisch geschickt war

• „Corporate“ sprechen konnte

Heute reicht das nicht mehr.

Viele Führungskräfte stehen nackt da, wenn der Titel weg ist.

5. Strukturwandel verschiebt alles Richtung Gig-Economy

Mehr Projekte. Mehr externe Spezialisten. Weniger feste Schichten. Weniger Titel.

Unternehmen wollen Flexibilität – nicht 15 Managementschichten.

Warum es kaum Daten gibt – und was wir dennoch wissen

Verlässliche Daten über den Rückgang von Management-Positionen sind überraschend schwer zu finden. Das liegt weniger daran, dass der Trend nicht stattfindet, sondern daran, dass Unternehmen extrem vorsichtig sind, wenn es um interne Strukturveränderungen geht. Kaum ein Konzern veröffentlicht offen, wie viele Manager entlassen, hierarchische Ebenen abgebaut oder Karrierepfade eingeschränkt wurden. Für viele Betroffene selbst kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Scham und Angst. Manager, die ihre Position verloren haben oder auf kleinere, schlechter bezahlte Rollen ausweichen mussten, sprechen selten öffentlich darüber — aus Karrieregründen, aus Loyalität oder schlicht aus Verletztheit.

Umso bemerkenswerter ist eine aktuelle Zahl, die als eines der wenigen greifbaren Indizien dient: Gemäss einem Survey von Korn Ferry (Workforce 2025) geben 41 % der Mitarbeitenden an, dass in ihrem Unternehmen Management-Ebenen reduziert wurden. Das ist enorm — denn wenn fast die Hälfte der Beschäftigten diesen Abbau wahrnimmt, dann ist die Dunkelziffer bei denjenigen, die betroffen sind, aber nicht darüber sprechen können oder wollen, vermutlich noch deutlich höher. Der Mangel an Daten ist somit selbst ein Beweis des Problems: Das Management schrumpft leise.

Was bedeutet das für Manager?

Die typische Karriereleiter ist nicht nur instabil – sie existiert in vielen Bereichen schlicht nicht mehr.

Das führt zu neuen Realitäten:

a) Der Titel wird kleiner, nicht grösser

Ehemalige Country Manager werden „Regional Leads“,

Directors werden „Senior Specialists“,

VPs werden „Consultants“.

b) Der Einfluss nimmt ab

Entscheidungen wandern nach HQ,

Budgethoheiten schwinden,

Teams werden kleiner oder verschwinden.

c) Die Unsicherheit steigt

Ein Restrukturierungsprogramm reicht – und 20 Jahre Karrierearbeit sind weg.

Was können Manager tun?

Die drei strategischen Wege

Hier wird es praktisch und relevant.

a) Spezialist statt Generalist werden

Manager sollten sich fragen:

• Wofür genau bin ich Experte? Und bin ich wirklich einer?

• Wofür bin ich am Markt erkennbar wertvoll?

• Was kann ich, das KI und Juniors nicht können?

Ohne klaren Wertbeitrag ist man heute ersetzbar.

b) Unternehmerischer denken – egal ob angestellt oder nicht

Die Zukunft gehört denen, die:

• Projekte führen statt nur Teams

• Umsatz beeinflussen statt nur verwalten

• Wert schaffen statt Meetings planen

• Verantwortung übernehmen statt Verantwortung verschieben

• Innovationen wagen statt schlaue Reden halten

c) Ein neues Karriere-Narrativ aufbauen

Die Zeit von „Ich bin 15 Jahre Manager bei XYZ“ ist vorbei.

Es braucht:

• ein persönliches Thema

• eine Expertise

• Sichtbarkeit

• ein Netzwerk jenseits des Unternehmens

• Marktwert statt Corp-Titel

Wer heute mit 50 noch ganz auf Corporate setzt, spielt ein gefährliches Spiel.

Die Karriere als Manager verändert sich radikal – und das ist erst der Anfang

Der klassische amerikanische Karrierepfad, der Jahrzehnte lang für europäische Manager so attraktiv war, ist am Ende.

KI, Effizienzprogramme, Zentralisierung und geopolitische Verschiebungen lösen die mittleren und oberen Managementebenen schrittweise auf.

Und, wer jetzt denkt beim Staat wäre alles einfacher und weniger hart, dann stimmt das, zumindest in der Vergangenheit. Viele Manager sind in leitenden Funktionen beim Staat gelandet, wo noch weniger Druck herrscht. Das Wort hier ist noch. Denn Effizienzdruck wird Staatsangestellte in ein paar Jahren mit voller Wucht treffen, wenn die Steuerzahler nicht mehr akzeptieren, dass bei ihnen selbst der Rotstift angesetzt wird, aber sie eine «Elite» finanzieren die wunderbar leben. Denkt an meine Worte.

Aber:

In jeder Krise steckt auch eine Chance

Wer bereit ist, sich neu zu erfinden, seine Expertise zu schärfen und unternehmerischer zu denken, kann in dieser neuen Welt sogar stärker dastehen als früher.

Wer dagegen glaubt, dass Politik und Präsenz reichen, wird von der Realität überholt werden.