Gen-AI als Turbo für Macher, Risiko für Verwalter

René Albert

Der Januar ist kein Monat für grosse Versprechen. Der Glühwein ist verschwunden, die Lichterketten sind abgehängt, und der Alltag hat uns wieder.

Gerade deshalb ist er ein guter Moment für einen nüchternen Blick zurück und einen realistischen nach vorn. Denn was sich zwischen Glühwein und Jahresvorsätzen oft romantisch anfühlt, zeigt seine wahre Wirkung erst ein paar Wochen später.

Als ich kurz vor Jahresende mit einer meiner Töchter nach Baden gefahren bin (die andere war in den USA), auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein getrunken habe und später zu Hause das traditionelle Fondue auf dem Tisch stand, ging es wie jedes Jahr um das Vergangene – und um das, was kommt.

Dieses Mal führte jedes Gespräch unweigerlich zu einem Thema, das 2025 geprägt hat wie kaum ein anderes, nämlich Generative Künstliche Intelligenz.

Vom grossen Knall 2022 zur Ernüchterung 2024

Als ChatGPT Ende 2022 öffentlich wurde, war der Effekt beispiellos. Keine App wurde schneller angenommen, keine Technologie war schneller Gesprächsthema auf Weihnachtsfeiern, in Unternehmen, an Unis. Innerhalb weniger Wochen konnte plötzlich „jeder“ scheinbar hochwertige Texte generieren, programmieren, analysieren. Chat GPT hat bei den App-Downloadcharts die Liste monatelang angeführt. Oder jahrelang.

Und jetzt? Die Ernüchterung folgte in den Jahren 2023 und 2024. Analysen zeigten, dass die monatliche Nutzung der grossen LLM-Modelle rückläufig war. Das kann man teilweise durch Saisonalität oder den Wegfall des Neuigkeitswerts erklären. Doch es gibt tiefere Gründe.

Die Wahrheit ist, dass GenAI kreative und intelligente Menschen schneller und besser macht. Aber sie hebt nicht automatisch das Niveau der breiten Masse.

Das war schon vor KI so. Werkzeuge sind nur so gut wie der Mensch, der sie nutzt. Ein durchschnittlicher Schreiber wird mit einem Laptop nicht zum Hemingway; mit einer DSLR-Kamera nicht zu Herb Ritts; und mit einem LLM nicht automatisch zum Strategen, Texter oder Analysten. Denn manchmal werden die geschriebenen Texte gar nicht richtig verstanden sondern ohne Änderungen einfach übernommen. Nicht so gut. GenAI verstärkt Fähigkeiten, aber sie schafft keine.

Was sich wirklich verändert hat? Arbeit am Grundniveau und am oberen Ende

Viele hatten erwartet, dass vor allem einfache Tätigkeiten verschwinden würden. Und tatsächlich: Callcenter, Supporteinheiten, Retail- und Backoffice-Rollen werden derzeit in grosser Geschwindigkeit automatisiert. Unternehmen berichten, dass Chatbots und automatisierte Systeme mittlerweile 60–80 % der Anfragen abfangen mit zunehmender Qualität.

Doch in den letzten Monaten ist ein neuer Trend sichtbar geworden, der bisher unterschätzt wurde. Es sind immer häufiger Manager und leitende Angestellte, die ihren Job verlieren.

Nicht, weil KI „intelligenter“ wäre als sie. Sondern weil KI:

• Informationen schneller zusammenführt,

• Rohanalysen blitzartig erstellt,

• Präsentationen, Memos und Business Cases vorbereitet,

• und dabei eine Geschwindigkeit erreicht, die das mittlere Management früher als „Fleissarbeit“ rechtfertigte.

Viele Rollen im Management basieren auf Koordination, Zusammenfassung, Delegation, Reporten. Genau diese Tätigkeiten sind generative KI Systeme heute extrem gut darin zu erledigen. Unter uns gesagt: besser als die meisten Manager.

Und damit entsteht eine bittere Ironie. Die Arbeit am Band wird durch Roboter ersetzt. Die Arbeit am Laptop durch LLMs. Das ist nicht mehr Science Fiction. 2025 ist ein Wendepunkt.

Was bedeutet das für kleine und mittelständische Unternehmen?

SMBs sind traditionell pragmatisch. Sie entscheiden nicht nach Visionen, sondern nach Notwendigkeit. Die Umsetzung neuer Technologien erfolgt deshalb oft in Wellen:

1. Die erste Welle: Automatisierung des Kleinkrams

• E-Mail-Entwürfe

• Social Media Posts

• Produkttexte

• Übersetzungen

• Meeting-Zusammenfassungen

• interne Dokumente & SOPs

Hier erzielt GenAI schon jetzt enorme Effizienzgewinne. Aber es droht auch Gleichförmigkeit. Alle Social Media Posts sehen gleich aus, egal welche Firma sie postet. Jeder (auch ich, jawohl) postet auf Linkedin, und zwar heftig!

2. Die zweite Welle: Prozessautomatisierung

SMBs beginnen zunehmend:

• komplette Support-Prozesse an Chatbots zu übergeben

• interne Wissensdatenbanken automatisch aktualisieren zu lassen

• Rechnungswesen- und Compliance-Vorbereitung zu automatisieren

• Sales-Funnel-Analysen durch KI generieren zu lassen

Viele merken erst jetzt, wie viel menschliche Arbeitszeit eigentlich aus Repetitionen besteht.

3. Die dritte Welle (2026–2030): Strukturveränderung

Die grosse Frage wird lauten: Brauchen wir noch dieselben Hierarchien?

Ein Teamleiter, dessen Hauptaufgabe Reporting, Aufgabenverteilung und Feedbackschleifen waren, wird eine schwierige Rechtfertigung haben, wenn ein LLM diese Aufgaben für einen Bruchteil der Kosten und in Echtzeit erledigt.

Und der Manager und Director der Teamleader? Die haben in den vergangenen Jahrzehnten erstaunlich wenig zum Erfolg von Konzernen beigetragen. Behaupten aber natürlich das Gegenteil. Ich rede hier übrigens nicht von den wirklichen Machern oder Veränderern. Die gab es immer, wird es immer geben. Ich rede von der exzellent ausgebildeten, intelligenten Managerklasse – die aber nicht wirlich innovativ waren.

Gerade KMU könnten dadurch „flacher“ werden:

• weniger Managementebenen

• mehr direkte Verantwortung bei Fachkräften

• mehr Fokus auf Umsetzung statt Verwaltung

Für fähige Mitarbeiter ist das eine Chance. Für „PowerPoint Manager“ weniger.

Was bedeutet das für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

1. Die produktiven Mitarbeiter werden produktiver

Menschen, die bereits:

• strukturiert,

• kreativ,

• neugierig und

• selbstständig

arbeiten, profitieren am meisten. Was früher einen halben Tag dauerte, braucht heute 30 Minuten.

2. Die Mittelmässigen werden sichtbarer

Früher konnte man sich hinter Aufgaben „verstecken“, die niemand überprüfte oder verstand. Ein Country Manager der dem Unternemen «vorstand», eine Diversity-Managerin, die dawar weil das halt in war, ein Program Manager. Und so weiter.

Heute sieht man:

• wie viel jemand selbst beiträgt

• wie viel von der KI kommt

• und wie gut die Person mit KI arbeitet

Der Leistungsdruck steigt – aber nicht durch mehr Arbeit, sondern durch Transparenz.

3. Die Rollen verschieben sich

Wir brauchen weniger „Schreiber“, „Koordinatoren“, „Ersteller“.

Wir brauchen mehr:

• Ideengeber

• Entscheider

• Menschen mit Kundenkontakt

• und solche, die komplexe Probleme erkennen, nicht nur dokumentieren

• und dann umsetzen

Und was ist mit Politik und Verwaltung?

Hier wird die Verlangsamung am sichtbarsten und gleichzeitig der grösste Veränderungsdruck entstehen. Denn nicht nur in der Schweiz sind bei der öffentlichen Verwaltung die Löhne am höchsten. Das wird nicht so weitergehen.

Noch 2025 sind viele Behörden weit davon entfernt, KI sinnvoll einzusetzen.

Doch die Spirale ist unvermeidlich:

• Bürger erwarten KI-gestützte Services

• Unternehmen verlangen Effizienz

• internationale Vergleiche üben Druck aus

• Personalmangel zwingt zu Automation

Der öffentliche Sektor wird später als die Privatwirtschaft reagieren – aber wenn er reagiert, wird es eine massive Umschichtung geben. Die Verwaltung hat viele Rollen, die sehr stark regelbasiert sind, nämlich ein ideales Feld für KI-gestützte Systeme.

Worauf sollten sich KMU und Führungskräfte 2026 vorbereiten?

1. KI Kompetenz wird zur Pflicht für alle

Nicht technisch, sondern praktisch:

• Wie formuliere ich gute Prompts?

• Wie überprüfe ich KI-Ausgaben?

• Wie nutze ich KI als Sparringspartner?

Und übrigens, die besten Prompts schreiben diejenigen die schon vorher gut im Schreiben waren. Was für eine Überraschung!

2. Hierarchien werden flacher

Teams arbeiten direkter.

Projektmanager müssen echten Mehrwert liefern – nicht Organisatorisches.

3. Geschwindigkeit wird zum Wettbewerbsvorteil

Wer Aufgaben in Minuten löst statt in Tagen, gewinnt Kunden.

4. Unternehmensidentität wird wichtiger

In einer Welt, in der KI viele Inhalte generiert, sind Haltung und Positionierung entscheidend.

5. Menschliche Kompetenz wird nicht ersetzt, sondern beschleunigt

Persönlichkeit, Empathie, Erfahrung, Urteilskraft:

GenAI kann viel, aber diese Bereiche bleiben menschlich. Wenigstens für die nächste Zukunft.

Ein persönlicher Ausblick

Während ich mit meiner Tochter die Fonduegabel drehe, denke ich:

Vielleicht ist diese Zeit der grösste Umbruch unserer beruflichen Generation. Aber es ist auch eine Zeit voller Chancen.

KI nimmt uns nicht die Arbeit weg – sie nimmt uns vor allem Routine weg.

Und sie zwingt uns, besser zu werden: ehrlicher, klarer, schneller im Denken, stärker im Handeln.

Wenn ihr Kinder habt, bereitet sie ehrlich auf KI vor, ohne vor Begeisterung durchzudrehen, aber auch ohne Angst. Angst ist keine Strategie.

Wenn ihr euch selbständig machen wollt, informiert euch, lest interessante Blogs, Substacks oder hört Podcasts zu dem Thema.

Wenn ihr Mitarbeiter seid und ihr denkt, von KI betroffen zu werden (ich meine wenn ihr vor Entlassung Angst habt), arbeitet mit KI statt sie zu meiden, aber erweitert euer ganzes Wissen, und übernehmt nicht einfach alles so wie es ausgespuckt wird. KI ersetzt das Denken nicht.

Und wenn ihr Manager seid. Mein Gefühl sagt mir, dass ihr die am meisten betroffene «Arbeitnehmerschicht» sein werdet. Informiert euch, zügig, ohne Panik. Überlegt euch eine Unternehmensgründung, oder einen Wechsel in eine KMU. Spoiler alert: Vorbereitung ist besser als Panik wenn die Welle anfängt zu laufen.

Aber eines sage ich euch auch, ignorieren hilft nicht.

Für 2026 wünsche ich uns allen: Viel Erfolg, viel Glück, und eine gute Gesundheit!